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Sie arbeiten in Krankenhäusern, Schulen, Supermärkten oder setzen alles daran, dass der Corona-Impfstoff schnell zu den Impfzentren gelangt. Vier junge Angestellte berichten, warum sie sich nach dem Abi für einen systemrelevanten Beruf entschieden haben, wie die Arbeitsbedingungen sind – und wie es sich anfühlt, in der Pandemie gefeiert zu werden.

Als am 27. Dezember 2020 die bewegenden Bilder von den ersten geimpften Senioren durch die Medien gingen, lagen hinter Carina Zeh aufregende Wochen. Ihr Arbeitgeber, der Logistikkonzern Kühne + Nagel, ist in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland Nordrhein-Westfalen für die Impfstoff-Logistik zuständig. Die junge Logistikerin musste sich um die Ausstattung des zentralen Impfstoff-Lagers in NRW kümmern und die Schulung der Mitarbeiter organisieren. „Die Wochen vor Weihnachten waren Adrenalin pur; es ist ein großartiges Gefühl, an dieser Jahrhundertaufgabe mitzuarbeiten“, sagt die 27-Jährige stolz.


Kühlcontainer für den Corona-Impfstoff 

Bereits seit dem Herbst hat sich Carina Zeh, die bei Kühne + Nagel ein Traineeprogramm im Bereich Messe-Logistik absolviert hat, darauf vorbereitet, wie ein mögliches Impfszenario aussehen könnte. „Viele Hallen standen leer, da lag es nah, diese als Zentrallager für den Impfstoff zu nutzen“, sagt Zeh. Ihre Aufgabe: eine angemietete, leere Halle in ein Impflager zu verwandeln. Die Besorgungsliste war lang – und die Zeit bis zum Impfstart kurz: Tische, Stühle und Arbeitskleidung für die Logistikmitarbeiter, Laderampen und Lichtquellen, Lagerbehälter für Trockeneis mussten her. Die größte Herausforderung aber: geeignete Kühlcontainer zu beschaffen. Denn der erste verfügbare Corona- Impfstoff musste bei minus 70 Grad gelagert werden. „Diese Container waren überall begehrt und ich habe sehr viel rumtelefoniert. Umso erleichterter war ich, als die Container rechtzeitig geliefert wurden“, sagt Carina Zeh. Parallel organisierte die junge Logistik-Expertin, dass alle Mitarbeiter vor Ort geschult wurden. „Schließlich darf nichts schiefgehen, vor allem die Kühlkette für den Impfstoff muss lückenlos sein“, erklärt die 27-Jährige. Dass ihr Job einmal so wichtig sein würde, ja sogar als „systemrelevant“ eingestuft werden würde, hätte sich Carina Zeh nach Abitur, Studium und Traineeprogramm nicht träumen lassen.

Bloß nicht verunsichern lassen 

Die Corona-Pandemie hat die Zukunftspläne vieler Abiturienten gehörig durcheinandergewirbelt. Manch einer stellt vielleicht sogar seinen bisherigen Traumjob, etwa im Tourismus oder in der Event- Branche, infrage – und sucht nach einer systemrelevanten Alternative. Helden der Pandemie gibt es viele. Junge Berufstätige wie Logistikerin Carina Zeh rücken in den Fokus, weil sie täglich dafür sorgen, dass das Leben in Deutschland weitergeht – auch im Lockdown. Die Liste systemrelevanter Berufe ist lang und bunt: Mitarbeiter von Krankenhäusern, Apotheken und Laboren gehören ebenso dazu wie Pflegekräfte in Altenheimen, Lehrer und Erzieher, aber auch Supermarkt-Angestellte, Polizisten, Feuerwehrleute oder Fachkräfte in Energiekonzernen.

Welcher Job passt zu mir? 

Allen pragmatischen Überlegungen zur Krisensicherheit eines Jobs zum Trotz: Der spätere Beruf sollte in erster Linie gut zu einem passen. „Wo liegen meine Interessen und Talente? Was macht mir Spaß? Das sollten wichtige Fragen bei der Berufsorientierung sein“, sagt der Kölner Karriere- Coach Bernd Slaghuis. „Angst und Unsicherheit sind keine guten Ratgeber bei beruflichen Entscheidungen. Abiturienten sollten sich daher Zeit nehmen, um Klarheit zu finden“, so der Karriere-Coach. Ob beispielsweise ein Job im Gesundheitswesen oder sozialen Bereich passt, lässt sich auch in der Pandemie mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) oder einem Bundesfreiwilligendienst prüfen. Auch kurzfristig lassen sich jetzt freie Stellen etwa in Krankenhäusern, im Rettungsdienst, in Kitas, Seniorenheimen und Bildungseinrichtungen sowie bei Hilfsorganisationen wie Malteser, Johanniter oder Deutsches Rotes Kreuz finden. 

„Der Wunsch, die Welt zu verbessern, ist groß. Traut euch, Fehler zu machen“
Nicole Hanisch, Psychologin und Expertin für die Generation Z am Rheingold-Institut Köln, über den Wunsch der heute 10- bis 25-Jährigen nach Sicherheit und einem sinnstiftenden Beruf.

Wie schwer hat es die aktuelle Abiturienten-Generation, in der Corona-Pandemie ihren Weg zu finden? 

Die Pandemie trifft gerade Schulabgänger bis ins Mark. Alles, was wichtig ist, fällt plötzlich weg: Schule, Abi-Ball, Abschlussfahrten, Praktika und Auslandsaufenthalte, Treffen mit Freunden. Der Kontrollverlust, den wir alle erleben, löst eine große Sehnsucht nach Sicherheit aus – und die spiegelt sich bei den beruflichen Plänen vieler junger Leute wider.

Rücken systemrelevante Berufe in den Fokus? 

Bei vielen bestimmt. Schon vor der Pandemie war ein sinnstiftender Job bei der jungen Generation hoch im Kurs. Der Wunsch, die Welt zu verbessern, ist groß. In der aktuellen Krise werden Berufe attraktiv, die systemrelevant sind – und gleichzeitig finanzielle Sicherheit bedeuten. Der Staat als Arbeitgeber etwa für Lehrer oder Polizisten ist beliebt. Auch wer gerade im Krankenhaus, Supermarkt oder sozialen Bereich arbeitet, hat einen sicheren Job. Hippes Start-up-Feeling ist weniger gefragt.

Haben Sie einen Tipp, wie Schulabgänger besser durch die Krise kommen? 

Wer nach dem Abitur in ein Loch fällt, weil die ursprünglichen Pläne ins Wasser fallen, sollte aktiv werden, statt alleine zu Hause Trübsal zu blasen. Antworten auf die wichtigen Sinnfragen des Lebens findet man nicht nur in der großen weiten Welt, sondern vielleicht auch beim Nebenjob im Supermarkt, beim Freiwilligendienst im Altersheim oder indem man einfach mal ein Online-Studium beginnt. Nutzt die Zeit zum Ausprobieren. Fehler machen ist besser als Nichtstun.

Traumjob im Krankenhaus 

So hat auch Lena Schulz nach dem Abitur herausgefunden, dass eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin genau das Richtige für sie ist. Die damals 17-Jährige hatte ein FSJ in der Kinder-Kardiologie der Berliner Charité-Klinik absolviert. „Vor allem um den Alltag im Krankenhaus kennenzulernen“, sagt Schulz. Dass sie etwas mit Kindern machen wollte, wusste sie – und hatte eigentlich mit einem Medizinstudium geliebäugelt. Doch die Praxiserfahrung hat ihre Meinung geändert: „Der Beruf der Krankenpflegerin ist medizinisch und menschlich sehr anspruchsvoll – und trotzdem haben wir Pfleger viel mehr Nähe zu den kleinen Patienten“, erklärt Schulz. „Zu den Ärzten haben die Kinder meist ein distanziertes Verhältnis. Wir dagegen versorgen die Kleinen rund um die Uhr, sind Tröster und Zuhörer – auch für die Eltern. Diese Beziehungsebene macht meinen Beruf so wertvoll“, sagt Lena Schulz. Und das erklärt auch, warum sie sich gegen ein Medizinstudium und für eine Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin entschieden hat.

„Wir versorgen die Kleinen rund um die Uhr, sind Tröster und Zuhörer – auch für die Eltern.“
Lena Schulz (17), Krankenpflegerin in der Berliner Charité-Klinik

Ein Job zwischen Leben und Tod 

Mittlerweile hat die 21-Jährige ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und arbeitet auf der Frühchen-Intensivstation des Berliner Krankenhauses. Und damit seit März 2020 an vorderster Front im Kampf gegen die Corona-Pandemie. Besonders die ersten Wochen seien hart gewesen, erinnert sich Lena Schulz. „Da war ich in einer neu eingerichteten Covid-19-Station für Kinder an der Charité im Einsatz; wir wussten damals kaum etwas über diese neue Krankheit, auch nicht, wie gefährlich es für Kinder werden kann“, sagt sie.  Den öffentlichen Applaus für den unermüdlichen Einsatz des Pflegepersonals hat die junge Krankenpflegerin damals eher als naive Geste denn als Wertschätzung empfunden. „Von der Bevölkerung hätte ich mir mehr Feingefühl gewünscht, alle Kollegen waren am Rande der Belastbarkeit, ein einfacher Applaus reicht da nicht“,erinnert sich Schulz. Bessere Ausrüstung und Arbeitsbedingungen hätte sie sich gewünscht – und mehr finanzielle Anerkennung für Pflegeberufe.

Mehr Geld statt Applaus 

Viele Menschen in solchen und anderen systemrelevanten Jobs werden vergleichsweise gering bezahlt. Auch die Arbeitszeiten sind in diesen Bereichen nicht immer attraktiv. Im Krankenhaus und in Pflegeeinrichtungen zum Beispiel ist Schicht- und Nachtarbeit sowie Wochenenddienst üblich. Auch an Feiertagen wie Weihnachten oder Silvester müssen Pflegekräfte und Ärzte Dienst schieben, wenn andere feiern. Was manch einer als Manko sieht, gefällt Pflegerin Lena Schulz sogar: „An den Schichtdienst gewöhnt man sich schnell. Ich genieße es mittlerweile, unter der Woche freizuhaben, wenn alle anderen arbeiten.“

Ohne Maske geht nichts 

Auch an den neuen Corona-Alltag hat sie sich gewöhnt, an die strengen Hygieneregeln, die auf der Station und im Kreißsaal herrschen. Das Virus ist ständig präsent: „Ein paar Etagen über uns kämpfen auf der Covid-Intensivstation Menschen um ihr Leben“, sagt Schulz. Einige ihrer Kollegen von der Frühchen-Intensivabteilung mussten in den vergangenen Wochen immer wieder auf der Covid- Station einspringen. Alle arbeiten am Limit – und das seit Monaten. Lena Schulz berichtet lieber von den schönen Momenten, beispielsweise wenn ein Baby, das viele Wochen ums Überleben gekämpft hat, endlich nach Hause entlassen werden kann. „Dafür liebe ich meinen Job.“

Immer für Nachschub sorgen 

Supermarkt statt Hörsaal: Überrascht haben viele Klassenkameraden reagiert, als ihr Mitschüler Dean Bleul sich nach dem Abitur nicht für ein Studium, sondern für das Abiturientenprogramm des Einzelhandelskonzerns Rewe entschieden hat. 
„Für mich stand aber fest: Ich möchte keinen langweiligen Bürojob, sondern viel Kontakt mit Menschen und sofort in die Praxis einsteigen“, so der heute 21-Jährige. Und dass ein Job im Supermarkt weit mehr bedeutet als Ware auspacken und Regale einräumen, hat Dean Bleul bereits in den ersten Wochen seiner Ausbildung gemerkt: „Wie ich eine Warentheke gestalte, dahinter steckt ganz viel Konzept, Kreativität und Verkaufspsychologie“, sagt der Einzelhandelskaufmann. 
Wegen Corona herrschte auch in den Supermärkten Ausnahmezustand: Während viele seiner Bekannten zu Hause im Lockdown saßen, hatte Dean Bleul im Rewe-Markt alle Hände voll zu tun. „Es war deutlich mehr los, die große Nachfrage nach Produkten wie Toilettenpapier, Nudeln und Mehl hat uns selber überrascht. Da kamen wir an manchen Tagen kaum hinterher mit dem Nachbefüllen der Regale“, sagt er. In solchen stressigen Phasen haben ihm das positive Feedback und der spontane Beifall von Kunden gutgetan: „Das waren tolle Gesten und wirklich rührende Szenen, die mir in Erinnerung bleiben werden.“

„Wie ich eine Warentheke gestalte, dahinter steckt ganz viel Konzept, Kreativität und Verkaufspsychologie.“
Dean Bleul (21), Einzelhandelskaufmann bei Rewe

Zwischen Notbetreuung und Online-Unterricht 

Die Pandemie hat auch die Pläne von Lehramtsstudent Johannes Krahforst durchkreuzt: „Da arbeitest du jahrelang darauf hin, eine Klasse zu unterrichten, bist endlich mit dem Studium fertig und eine Pandemie bricht aus. Das ist schon Ironie des Schicksals“, beschreibt der 28-Jährige seine ganz persönliche Corona-Erfahrung: Mitten im ersten Lockdown, im Mai 2020, startete Krahforst als Referendar für die Fächer Sport und Religion an einem Gymnasium in Remscheid in seinen Lehrer-Job. Statt plappernden Schülern auf den Gängen und fröhlichem Kennenlernen hieß es in den ersten Wochen: menschenleere Schulen, Lernen auf Distanz.

„Für die Fünft- und Sechstklässler habe ich beispielsweise zweimal die Woche digitalen Frühsport angeboten. Das kam überraschend gut an, obwohl mich die Kinder gar nicht persönlich kannten“, erinnert sich der Nachwuchs- Pädagoge. Nach den Sommerferien, als die Schulen wieder offen waren, „habe ich direkt einige Klassen alleine unterrichtet, das war ein Sprung ins kalte Wasser“. Aber auch ein wohltuendes Stück Normalität, trotz Hygieneregeln, Maskenpflicht und Quarantäne für ganze Klassen.  

Lust auf Bewegung machen 

Lehrer war schon früh Johannes Krahforsts Traumjob, „weil ich einen abwechslungsreichen Beruf wollte, in dem ich meinen Unterricht kreativ gestalten und als Sportlehrer meine Liebe für Bewegung und einen gesunden Lebensstil an junge Menschen weitergeben kann“, beschreibt der Referendar seine Motivation. Das versucht der junge Lehrer auch im Lockdown: Ist praktischer Sportunterricht coronabedingt nicht möglich, bringt Krahforst im Online-Unterricht seinen Schülern gesunde Ernährung näher oder ermuntert sie, ein Lauftagebuch zu führen. „Hauptsache“, sagt Johannes Krahforst, „ich bleibe mit meinen Schülern in Kontakt – und die ein bisschen in Bewegung.“

Unverzichtbar – auch nach der Pandemie 

Auf Routine in der Schule wird Referendar Krahforst jedoch sicherlich noch einige Zeit verzichten müssen. Und auch den Joballtag von Junglogistikerin Carina Zeh wird die Corona-Krise weiter bestimmen. Immerhin übernimmt Kühne + Nagel den Vertrieb für einen zweiten Covid-19-Impfstoff eines weiteren Herstellers. „Langweilig wird es in meinem Job nicht“, ist sich die 27-Jährige sicher. Bei Kinderkrankenpflegerin Lena Schulz und Rewe-Mitarbeiter Dean Bleul bleibt es mit Sicherheit ebenfalls weiterhin spannend – auch wenn Corona irgendwann hoffentlich definitiv Geschichte ist. Die Helden der Pandemie von heute, sie werden Helden unseres Alltags der Zukunft bleiben.

„Hauptsache, ich bleibe mit meinen Schülern in Kontakt – und die ein bisschen in Bewegung.“
Johannes Krahforst (28), Referendar am Gymnasium

 
 

Einstieg in systemrelevante Berufe:


Ausbildung Pflegefachmann/-frau 

Seit Januar 2020 ersetzt eine allgemeine Pflegeausbildung mit Spezialisierung die früheren Berufe „Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger“, „Krankenpfleger“ und „Altenpfleger“.  Vorteil: Absolventen können später im Krankenhaus, Seniorenheim, Pflegedienst oder in der Kinderpflege arbeiten.  
Dauer: 3 Jahre


Abiturientenprogramm Einzelhandel 

Innerhalb von drei Jahren machen die Teilnehmer zwei Abschlüsse und können danach perspektivisch als Marktmanager arbeiten. Im ersten Teil absolvieren sie in 18 Monaten die Ausbildung zum/zur Einzelhandelskaufmann/-frau; danach folgt eine Weiterbildung zum/zur Handelsfachwirt/-in. Neben Rewe bieten beispielsweise auch Aldi, Lidl, Kaufland oder Alnatura vergleichbare Programme an.


Einstieg Logistik 

Abiturienten können sich zum Beispiel als Kaufleute Spedition und Logistikdienstleistungen ausbilden lassen oder ein duales Studium beginnen, das die praktische Ausbildung in einem Unternehmen mit einem Studium von Betriebswirtschaft und Logistik verbindet. Vorteil: Die dualen Studenten beziehen vom ersten Monat an Gehalt. Zahlreiche Logistik-Unternehmen bieten außerdem Traineeprogramme für alle, die eine Ausbildung oder ein Studium bereits abgeschlossen haben.  Schwerpunkte sind etwa Messe-, Event- und Luftfahrt-Logistik oder Seefracht. 
 

Lehrer werden 

In Deutschland erfolgt der Zugang zum Lehrerberuf über ein Studium. Bewerber können zwischen den Schulformen Lehramt Grundschule, Lehramt Sekundarstufe I (Haupt-/Realschule) oder Lehramt Sekundarstufe II (Gymnasien/Gesamtschulen) sowie den Unterrichtsfächern wählen.
Übersicht vieler systemrelevanter Ausbildungsberufe: www.bibb.de/de/122962.php