Faire Chance in der Krise

Dramatischer Einbruch bei Praktika

Die Corona-Pandemie hat die Pläne vieler Studierenden und Absolventen in den vergangenen Monaten gehörig durcheinandergewirbelt. Praktika wurden abgesagt oder verschoben, Auslandsaufenthalte gestrichen und so mancher Werkstudentenjob fand – so ganz anders als geplant – ausschließlich im Homeoffice statt in der Firmen zentrale statt. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Stellenausschreibungen für Praktika und Werkstudentenjobs der Online-Stellenbörse Indeed wider: Dort ging der Anteil der Stellenangebote für Praktikanten zwischen März und Dezember 2020 um 11 Prozent, bei den Werkstudenten-Stellen sogar um 46 Prozent zurück. Seit dem ersten Quartal 2021 nehmen die Stellenangebote wieder leicht zu. Auch Inga Freienstein, Bereichsleiterin beim Cologne Career Center der Rheinischen Fachhochschule Köln,  beobachtet, dass sich seit Anfang 2021 die Arbeitsmarktsituation für Studierende deutlich verbessert: „Die Unternehmen haben virtuelle Modelle entwickelt, um Studierenden weiterhin zu ermöglichen, Berufserfahrung zu sammeln. Denn: Über die Schulter gucken – das geht auch digital.“ Studierende sollten sich daher nicht entmutigen lassen: „Gerade in der Pandemie ist es wichtig, bei der Wahl eines Praktikums oder Werkstudentenjobs offen für unterschiedliche Branchen, Orte und Stellenprofile zu sein“, sagt Lucy Merzenich, Karriereberaterin aus Aachen. Aber auch dafür, wie der Büroalltag in Corona-Zeiten aussieht: „Alles ist anders: Bewerbung, Einarbeitung und die Arbeit meist von zu Hause via Mail, Chats und Videomeetings sind nicht, was man üblicherweise erwartet. Aber so erlernen die Studierenden ganz nebenbei wichtige digitale Kompetenzen“, lenkt Lucy Merzenich den Blick auf Positives.

„Eine super spannende Branche, besser hätte ich es nicht treffen können.“
Bilal Bas, Praktikant bei Vector Informatik

Masterarbeit mit Anschluss

Ein perfekter Türöffner für den Jobeinstieg ist es zudem, die Abschlussarbeit für den Bachelor- oder Master-Titel praxisnah im Unternehmen zu schreiben. Das hat sich auch Kristina Gukova aus Leverkusen gedacht – und sich von der Corona- Pandemie nicht von ihren Plänen abbringen lassen. Gleich bei mehreren Unternehmen hat sie sich mit ihrem Thema für die Masterarbeit beworben, unter anderem beim Versicherungskonzern Generali. Mit Erfolg: Seit November 2020 schreibt die 28-Jährige, die Markt- und Medienforschung an der Technischen Hochschule Köln studiert, ihre Abschlussarbeit und arbeitet parallel als Werkstudentin bei Generali, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. „Und um kurz vor dem Jobeinstieg noch einen Einblick in ein weiteres Unternehmen zu erhalten“, ergänzt Gukova.

Videomeetings am Küchentisch

Tatsächlich hat die Studentin aber wegen Corona das Kölner Generali-Büro noch nie von innen gesehen. Ihre Kollegen kennt sie nur vom Bildschirm. „Alles remote, aber nicht weniger herzlich. Das war anfangs ungewohnt, doch ich habe mich schnell an die neue Situation gewöhnt“, erzählt die 28-Jährige, die bei ihren Eltern in Leverkusen wohnt. Dort hatte sie anfangs auch ein bisschen mit den Rahmenbedingungen zu kämpfen. „In der ersten Zeit war der Esstisch in der Küche mein Schreibtisch – das war natürlich nicht optimal. Wenn ich gerade eine Videokonferenz mit Kollegen hatte, sind meine Eltern nur noch auf Zehenspitzen reingeschlichen“, erinnert sich Kristina Gukova schmunzelnd. Im Studium hatte sie überwiegend in der Hochschulbibliothek gelernt. Jetzt richtete sie sich in einem kleinen Zimmer in ihrem Elternhaus ein provisorisches Mini-Büro ein. „Hauptsache, ich kann die Tür hinter mir zumachen – und in Ruhe arbeiten.“

Flexibilität gefragt

Softwaretechnik-Student Bilal Bas war zunächst skeptisch, als er hörte, dass sein Praktikum überwiegend in den heimischen vier Wänden stattfinden sollte. Zu Unrecht, wie er ein gutes halbes Jahr später mit Überzeugung sagt. Wenige Tage vor dem Start kam per Post ein Hardware-Paket mit Laptop, Headset und Mouse sowie vorinstallierter Software. Einführung, Einarbeitung und alles Weitere lief digital: „Ich habe meist in meinem Zimmer im Haus meiner Eltern gearbeitet – und kurzerhand meinen Studien-Schreibtisch in ein Mini-Büro umgewandelt“, erklärt Bas lachend. Auch wenn vieles anders war als vielleicht vor der Pandemie: Diese Erfahrung möchte Bilal Bas nicht missen. Und auch sein Arbeitgeber nicht: „Praxisluft schnuppern im Rahmen des Studiums ist wichtig – auch in der Pandemie. Dabei unterstützen wir gerne und profitieren natürlich auch vom frischen Wind, den die Studierenden ins Unternehmen bringen“, sagt Marcell Amann, Personalleiter bei Vector.

Mehr Einstiegsgehalt dank Praktika

Generell hilft es, schon früh Berufserfahrung zu sammeln und so die Weichen für einen zügigen und gut bezahlten Jobeinstieg nach dem Examen zu legen. Einer Umfrage der Online-Jobplattform Stepstone zufolge sind für 59 Prozent aller Arbeitgeber Praktika ein entscheidender Faktor bei der Bewerberauswahl. „Grundsätzlich wirken sich Praktika oder auch ein Werkstudentenjob positiv auf den Bewerbungsprozess und auch auf das Einstiegsgehalt aus – vor allem wenn die gesammelten Kenntnisse gut zu der Stelle passen, auf die ich mich bewerbe“, sagt Lea Schröder, Gehaltsexpertin bei Stepstone. Praktika oder Werkstudentenjob im Homeoffice – was schon für gestandene Berufstätige eine Umstellung ist, stellt viele junge Leute vor große Herausforderungen. Den ganzen Tag vom heimischen Schreibtisch aus arbeiten, an eng getakteten Meetings per Video teilzunehmen und sich alleine zu Hause zu motivieren und die Konzentration über sechs, sieben oder acht Stunden aufrechtzuerhalten, ist nicht leicht. Gerade wenn man nur ein kleines Studentenzimmer hat – und wenig sonstigen Ausgleich in der Pandemie (wie effektives Zeitmanagement im Homeoffice geht, verraten wir übrigens in unserer Infografik auf den Seiten 20 und 21).

Mehr Chancen durch Online-Meetings

Genau deshalb ist Stefan Neufeld sehr froh, wenigstens seinen Werkstudentenjob in der Zentrale des Bio-Lebensmittelhändlers Alnatura überwiegend vor Ort absolvieren zu können. „Das ist eine willkommene Abwechslung zu meinem Studentenalltag, der sich überwiegend im Homeoffice abspielt“, sagt Neufeld. Der 27-Jährige hat sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Darmstadt fast abgeschlossen und schreibt neben seiner Werkstudententätigkeit beim Bio-Supermarkt dort auch seine Bachelor-Arbeit. Im letzten Jahr – in der Hochphase der Pandemie zwischen April und Juni hatte Stefan Neufeld schon ein Praktikum bei Alnatura gemacht – konnte er dank der virtuellen Meetings in insgesamt acht verschiedene Bereiche, von Finanzbuchhaltung und Sortimentsmanagement bis Markenkommunikation, reinschnuppern. „Mit einem Mausklick habe ich die virtuellen Räume gewechselt und konnte so viele Einblicke bekommen – das wäre vor Ort gar nicht möglich gewesen“, beschreibt der 27-Jährige die positiven Effekte des Homeoffice-Praktikums. Geholfen hat dabei sicherlich auch, dass die Hierarchien bei Alnatura flach sind und der Umgang mit Kollegen wie Praktikanten oder Werkstudenten wertschätzend ist, betont Neufeld.

Vor Ort – statt im Studentenwohnheim

Wie der Büroalltag unter Corona-Bedingungen aussieht, konnte dagegen Elizaveta Bugakova live erleben. Die 23-jährige Pharmazeutin absolviert seit November 2020 ein halbjähriges Pflichtpraktikum zum Abschluss ihres Studiums beim Pharmaunternehmen Novartis Pharma in Nürnberg. Und ist, im Gegensatz zu vielen anderen Praktikanten, jeden Tag vor Ort im Einsatz. „Ich bin für das Praktikum von meiner Heimat im Saarland nach Nürnberg in ein neu gebautes Studentenwohnheim gezogen. Leider war die Außenanlage noch nicht fertig. Es wurde ständig weitergebaut, gehämmert und gebohrt. Und auch Internet und Telefon liefen anfangs nicht zuverlässig“, erzählt Elizaveta Bugakova. Keine guten Bedingungen für ein Homeoffice-Praktikum. Gemeinsam mit ihrem Arbeitgeber fand sie eine Lösung. Einen zusätzlichen Aufgabenbereich zu ihren regulären Tätigkeiten, wo ihre Anwesenheit im Büro zwingend notwendig ist:  Bugakova nimmt täglich alle Reklamationsmuster, die per Post kommen, entgegen, dokumentiert sie und leitet sie dann an die jeweiligen Novartis-Werke weiter, wo die Medikamente produziert wurden. „Ich habe mein eigenes Büro und einen sehr geregelten Arbeitsalltag“, sagt die 23-Jährige. „Ein Luxus, den ich sehr genieße. Ich mag es, einen klaren Cut zwischen Job und Freizeit machen zu können“, sagt die Pharma-Praktikantin und fügt hinzu: „In meinem Mini-Studentenzimmer wäre mir sicherlich die Decke auf den Kopf gefallen.“

„Das ist eine willkommene Abwechslung zu meinem Studentenalltag, der sich über - wiegend im Homeoffice abspielt.“
Stefan Neufeld, Werkstudent bei Alnatura

Pausen fürs Netzwerken nutzen

Zu Beginn ihres Praktikums war sogar noch die Kantine geöffnet – und Praktikantin Bugakova konnte beim Plausch beim Mittagessen unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln andere Praktikanten und Kollegen kennenlernen. „Das war super“, erinnert sich die 23-Jährige. Seit Januar dieses Jahres ist sie oft alleine in der ganzen Abteilung – und ihre Kollegen im Homeoffice.  Aber trotzdem sind alle jederzeit offen für Fragen. „Als ich für zwei Wochen bei einer externen Schulung war, haben mich alle vermisst. Es war toll, so viele positive Rückmeldung für meine Arbeit zu bekommen“, sagt Bugakova.

Deutschlandweite Chancen

Ein offenes Ohr, ein Miteinander auf Augenhöhe und eine faire Bezahlung: Das haben auch Generali-Werkstudentin Kristina Gukova, Alnatura-Werkstudent Stefan Neufeld und Vector-Praktikant Bilal Bas erlebt. Und trotz aller Corona-Bedingungen das Beste aus ihrer jeweiligen Praxisstation gemacht. „Es lohnt sich, auch jetzt nach offenen Positionen zu recherchieren oder sich initiativ zu bewerben“, betont Karriereberaterin Lucy Merzenich. „Teilweise ergeben sich sogar ganz ungeahnte Möglichkeiten – etwa, weil Unternehmen auch Kandidaten aus viel entfernteren Städten auswählen. Wenn alles remote ist, spielen Entfernungen keine Rolle mehr“, sagt Merzenich. Dennoch ist es zumindest Master-Studentin Kristina Gukovas größter Wunsch, in diesem Sommer doch noch vor Ort bei Generali in Köln Büroalltag zu erleben – und vielleicht nach dem Studienabschluss sogar einen Job beim Versicherungskonzern zu ergattern. Auch Alnatura-Werkstudent Stefan Neufeld und Novartis-Praktikantin Elizaveta Bugakova können sich vorstellen, ihre Praxiserfahrung als Türöffner für den Berufseinstieg zu nutzen. So weit ist Softwaretechnik-Student Bilal Bas noch nicht. Er hofft erst einmal, sein verschobenes Auslandsjahr ab August 2021 nachholen zu können – und sich damit seinen Traum vom Studium in den USA doch noch zu erfüllen.

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