„Erst belächelt und bekämpft, dann bewundert“ Interview mit Leon Löwentraut

Leon Löwentraut, am 15. Februar 1998 in Kaiserslautern geboren, begann mit sieben Jahren zu malen, erste eigene Werke verkaufte er als Schüler während seiner Zeit am Aloisiuskolleg in Bonn/Bad Godesberg. 2015 war er zu Gast in der TV-Sendung „TV Total“, wo er mit Stefan Raab ein Bild kreierte, im selben Jahr wurden auch Werke von ihm in Galerien in London, Basel, Singapur und New York gezeigt. 2020 wählte ihn das US-Wirtschaftsmagazin Forbes auf Platz drei seiner Liste bedeutender Nachwuchstalente „30 under 30“. Die Preise für Löwentrauts Bilder, der heute bei Düsseldorf lebt, liegen zwischen 20.000 und 70.000 Euro.

Herr Löwentraut, Sie sind gerade mal 23 Jahre alt, doch als Künstler sind Sie international  etabliert – Ihre Werke erzielen bis zu 70.000 Euro. Wie ist Ihnen das gelungen?
Mit Talent, Ehrgeiz, Selbstbewusstsein und Leidenschaft. 


Wie, so simpel war das? 
Nein, im Ernst. Ich musste schon auch Widerstände überwinden.


Welche denn? 
Den Klassiker: Als junger Künstler wirst du von der Kunstwelt erst ignoriert, dann von ihr belächelt und danach bekämpft.


Das klingt ja fürchterlich. Was genau ist passiert? 
Es gab beispielsweise Feuilletonisten, die mir vorwarfen, ich würde Kunst machen, die gefallen soll. 


Wie niederschmetternd, so etwas über sich zu lesen. Wie haben Sie auf diese Kritik reagiert? 
Als Schaffender, der seine Kunst leben will, darf man sich nicht irritieren lassen. Man muss weitermachen, weitermachen, weitermachen. Und klar vor Augen haben: Nach dem Bekämpfen kommt irgendwann die Bewunderung.


Durchhaltewillen und ein dickes Fell zählen also auch zu Ihren Stärken. Die brauchten Sie auch. 2016 haben Sie sich ja bei der Kunstakademie Düsseldorf für einen Studienplatz beworben – und sind abgelehnt worden. Mit welcher Begründung? 
Ich war während meiner Schulzeit kein Überflieger und habe meine Zeit nicht in Hausaufgaben, sondern in Kunst investiert; da war es für mich nicht wichtig, weiterzumachen bis zum Abitur. Dann habe ich mich an der Kunstakademie beworben. Nachdem ich eine Mappe mit meinen Werken eingereicht und die Aufnahmeprüfung absolviert hatte, teilte man mir aber mit, mein Stil habe sich schon zu sehr verfestigt.


„Erst belächelt und bekämpft, dann bewundert“
Leon Löwentraut, hat als Nachwuchskünstler mit Widerständen zu kämpfen


Eine Absage also von der Adresse, wo so renommierte Vertreter moderner Kunst wie Joseph Beuys oder Gerhard Richter unterrichtet haben. Wie haben Sie sich damals gefühlt? 
Frisch nach der Schule war das schon frustrierend. Wenn ich heute zurückblicke, bin ich aber sogar ganz froh, dass es nicht geklappt hat. 


Wieso? 
Spätestens nach fünf Wochen hätte ich mich vermutlich selbst von der Akademie verabschiedet, Schulen und Akademien engen mich ein. Kunst ist für mich eine besondere Form von Freiheit, der ich ausgeliefert bin.


Wie meinen Sie das denn? 
Wenn ich male, bin ich wie in Trance. Und ich habe das Gefühl, die Bilder entstehen aus einer inneren Steuerung heraus, die ich nicht bewusst beeinflussen kann. Es ist dann, als würde etwas, das ich nicht fassen kann, aus mir heraus malen. Schwer zu erklären. 


Versuchen Sie es doch bitte. 
Es ist, als würden sich Gedanken und Gefühle, die unbedingt aus mir rauswollen, regelrecht verselbstständigen, völlig unkontrolliert von meinem Kopf in meinen Arm und dann aus meiner Hand und meinen Fingern heraus über den Pinsel auf die Leinwand fließen. Ich ertappe mich manchmal selbst dabei, dass ich erstaunt vor der Leinwand stehe und denke: Krass, warum hast du das jetzt so gemalt, das war doch ganz anders geplant.


Und wie würden Sie Ihren Stil beschreiben? 
Meine Kunst ist expressionistisch, abstrakt. Picasso gehört zu meinen Vorbildern, und auch Henri Matisse. Sie haben mich aber lediglich durch ihre Formgebung und ihre Stimmungslagen inspiriert. Ansonsten fühle ich mich frei, so kann ich mich mehr gehen lassen beim Malen und den Pinselstrich besser fühlen, leben.


Apropos Leben, welches Verhältnis haben Sie zu Gleichaltrigen, die ja ganz anders leben als Sie? 
Ein ganz normales. Es gibt ja nicht nur den Künstler Leon Löwentraut, sondern auch noch den typischen jungen Mann, der gerne mit seinen Freunden abhängt und über Gott und die Welt redet.


Gemeinsam abhängen geht nur gerade nicht so gut. Wie stark beeinflusst Sie als Künstler die Pandemie, in der keine Vernissagen möglich und Museen geschlossen sind?
Die aktuelle Situation ist hart, keine Frage. Ich versuche aber immer, das Positive zu sehen. 


Und das wäre? 
Gut ist, dass sich mir neue Möglichkeiten bieten. Im Frühjahr 2021 habe ich die Lichtkunstperformance „Gemeinsam gegen Corona“ gestaltet, die den Düsseldorfer Rheinturm farbig erstrahlen ließ. Es hat sich gut angefühlt, meine Werke so auf ganz neuem Weg zu den Menschen zu bringen.


Ein anderes Ihrer Corona-Projekte war das „Global Gate“, für das Sie mit 37 Frachtcontainern das Brandenburger Tor in Berlin am Frankfurter Flughafen nachempfunden haben. Das Objekt war getaucht in Ihre typisch wild-farbige Malerei und geschmückt mit Kinderfotos. Was ist die Message? 
Das Global Gate ist eine Kunstaktion im Rahmen der weltweiten Kampagne #Art4GlobalGoals. Sie soll dafür sorgen, dass die von den Vereinten Nationen verabschiedeten 17 Nachhaltigkeitsziele den Menschen weltweit nähergebracht werden, um allen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Zu den Zielen gehören das Ende der extremen Armut, hochwertige Bildung für alle sowie Frieden und Gerechtigkeit. 


Und wie trugen die Kinderfotos dazu bei? 
Auf den Fotos habe ich den Gesichtsausdruck von Kindern festgehalten, die mir die Frage beantworteten, „Was bedeutet Zukunft für dich?“ Die meisten waren in diesem Moment zuversichtlich – trotz der schwierigen Zeit. Diese Aufnahmen zieren die Innenseiten des Global Gates, der Betrachter sieht sie, wenn er durch das Tor geht. Die positiven Vibes sollen ihm das Gefühl geben, Negatives hinter sich zu lassen. 


Und wie gelingt Ihnen selbst das? 
Naja, zum Beispiel positiv trotz Pandemie ist, dass die Krise mich ja nicht an meinem Schaffen hindert. Ich kann ja weitermalen in meinem Atelier. 


Wann arbeiten Sie eigentlich am liebsten? 
Nachts.


Warum? 
Weil ich dann sicher sein kann, dass mich niemand stört. Und das Gefühl, in einer eigenen Welt zu sein, ist dann noch mal stärker. Diese Bubble platzt erst, wenn ein Bild fertig ist und ich es bei einer Ausstellung der Welt zeigen kann. 


Wie geht es denn jetzt bei Ihnen weiter? 
Auch wenn wir gerade mitten in der Corona­ Pandemie stecken, habe ich schon viel in Planung.


Worauf können sich Ihre Fans vielleicht schon freuen? 
Es wird Ausstellungen im Bayerischen Nationalmuseum in München und auch im Kunstforum in Wien sowie im Nationalmuseum in Rom geben. Zudem freue ich mich auf Galerieausstellungen in Zürich und in London. Die genauen Daten kommen, sobald die Pandemie vorbei ist.


„Wenn ich male, bin ich wie in Trance. Und ich habe das Gefühl, die Bilder entstehen aus einer inneren Steuerung heraus, die ich nicht bewusst beeinflussen kann.“
Leon Löwentraut