„Das schlechte Gewissen zu sein, ist schon doof“

Leonie Bremer ist die neue Sprecherin von Fridays for Future. Im #start-Interview erzählt die 24-Jährige, wie sie ihre Angst vorm Auftritt überwindet, auf Pöbeleien reagiert und warum es wichtig war, dass ihr Smartphone in Island von einem Lkw überfahren wurde.

© Markus Spiske

Leonie, als neue Sprecherin der Fridays-for-Future- Bewegung trittst du nur mit einem Megafon in der Hand vor Menschenmassen hin. Und obwohl du das ja freiwillig machst, hat es sich zuerst fies angefühlt. Warum? 

Leonie Bremer: Naja, ich konfrontiere die Leute mit der unschönen Realität. Das macht manchen sauer. Und ich krieg’s ab. Immer das schlechte Gewissen für andere zu sein, ist schon doof.

Wie wurde es besser? Hast du für deine Auftritte, die wegen Corona inzwischen ja online stattfinden, trainiert oder ein Coaching bekommen?

Nein, und ganz ehrlich: Ich will auch kein Coaching. Meine Unverbogenheit ist meine Geheimwaffe. Richtig Lampenfieber hatte ich bisher nur einmal.

Erzähl.

Ach, Comedian Teddy hatte mich in seine TV-Show 1:30 eingeladen. Da haben Schauspieler, Comedians, Musiker und Tänzer jeweils 90 Sekunden Zeit, die Zuschauer zu unterhalten. Und ich sollte halt der Breaker sein, der mit einem ernsten Thema dazwischengrätscht. Vor diesem Auftritt hatte ich ganz schön Bammel.

Warum?

Ich wusste ja nicht, wie die Leute reagieren, schließlich hatten sie ja Tickets für eine Comedy-Show gekauft.

Kommentar: „Ich habe Greta persönlich kennengelernt. Ich vertraue ihr.“

Und wie hast du es geschafft, deine Angst zu überwinden?

Ich wollte diese Gelegenheit unbedingt nutzen, um die Menschen auf die globale Großdemo von Fridays for Future aufmerksam zu machen, die letzten Herbst stattfand. Ich wollte das so sehr – dieser Wunsch war einfach so viel größer als meine Angst.

Gab’s Unterstützung?

Ja. Teddy hat mir beruhigende Musik vorgespielt, während ich für die Show verkabelt und geschminkt wurde. Süß von ihm.

Und wie haben die Zuschauer dann reagiert?

Das Publikum war echt nett: Es gab donnernden Applaus. Keine Buh-Rufe, im Gegenteil. Nach der Show haben mich Leute auf dem Studiogelände angesprochen und gesagt, wie toll sie es fanden. Ich war wirklich überrascht. Da habe ich schon ganz anderes erlebt.

Was denn?

Ich war mal in der TV-Talkshow Hart aber fair bei Frank Plasberg zu Gast, um unter anderem mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zu diskutieren. Als ich danach in Köln zum Hauptbahnhof gelaufen bin, haben mich Leute erkannt und mir hinterhergerufen: „Ey, du Mini-Greta, was soll eigentlich der ganze Scheiß?!“

Und was hast du da gemacht?

Nix, bin weitergegangen. Fertig. Wie mir geht es doch allen Klimaaktivisten. Es gibt nun mal viele Menschen, die den Klimawandel leugnen.

Man braucht also ein dickes Fell in deiner Position. Wie bist du eigentlich zum Job als Sprecherin der Umweltbewegung gekommen?

Engagiert war ich ja schon immer. Ich wurde zum Beispiel mit sieben Jahren Vegetarierin. Einen richtig krassen Entwicklungsschritt habe ich nach dem Abi gemacht. Für die Zeit zwischen Schule und Studienstart hatte ich mir eine persönliche Challenge vorgenommen. Ich wollte fünf Monate auf einer Farm in Island leben – irgendwo im Nirgendwo. Um mal ohne Konsum klarzukommen, quasi als Crash-Kurs in Sachen Nachhaltigkeit.

Und wie lief’s?

Die Farmer-Familie, die mich aufgenommen hat, züchtete Hunde und Pferde und war nett. Doch nur wenige Tage nach meiner Ankunft kam der Schock: Der Strom fiel aus. Wir hatten kein warmes Wasser mehr. Das kann fernab der Stadt ja mal passieren. Nur: Bei uns waren Strom und Wasser dann gleich zwei Wochen lang weg. Und leider war das noch nicht alles. Denn zuvor war mir schon das Fieseste überhaupt passiert: Ich laufe auf einer Schotterstraße, da fällt mir mein Smartphone aus der Tasche – und ein Laster rollt drüber. Da musste ich meine Gastfamilie um ihr Smartphone bitten, um meine Eltern anzurufen: „Mama, Papa, sorry, ich will heim!“

Bist du wirklich abgereist?

Zwei Tage habe ich überlegt, meine Sachen zu packen. „Das halte ich nicht aus, ich kann nicht ohne Handy sein“, habe ich immer wieder gedacht.

Wieso bist du dann doch geblieben?

Es lag an den Hunden auf der Farm. Ich liebe Hunde.

Womit hast du dich noch beschäftigt in Island?

Ich bin ausgeritten am Meer, bin mit den Hunden spazieren gegangen. Ich war irgendwie so weit weg von dem ganzen Konsum, voll in der Natur. Und ich dachte: „Krass, die Leute hier sind nicht arm, aber sie gehen so anders mit allem um als wir zu Hause.“

Gibt doch mal ein Beispiel aus dem Alltag.

Sie schmeißen zum Beispiel fast nichts weg. Stattdessen versuchen sie immer erst mal zu reparieren. Als ich kaputte Wollsocken wegwerfen wollte, sagte meine isländische Gastmutter: „Nein, Leonie, wir stopfen sie.“ Ich fand das cool und habe gemerkt: Hey, mir fehlt nichts, wenn ich nicht sofort alles neu kaufe. Das habe ich mir von den Isländern abgeschaut. Die waren alle so glücklich dort. Und dann habe ich fünf Monate auch so gelebt. Und war auch glücklich. Diese Erfahrung hat echt was mit mir gemacht. Umweltbewusst war ich ja immer schon, aber in Island ist mir das so richtig in Fleisch und Blut übergegangen.

Wie viel Greta Thunberg steckt in dir?

Greta hat diese große Passion für das Pariser

Abkommen, also das globale Ziel der Unterzeichner-Staaten, die Erderwärmung dauerhaft unter zwei Grad zu halten. Diese Leidenschaft steckt auch in mir. Ich identifiziere mich insgesamt aber weniger mit der Person Greta als mit den von ihr vertretenen Inhalten.

Greta ist ja mittlerweile Millionärin. Sie besitzt mehrere Restaurants, hat ein eigenes Modelabel, ein eigenes Fußballteam.

Von ihren Einnahmen steckt Greta alles in das Thema, für das ihr Herz schlägt: den Kampf für das Klima. Sie nutzt das Geld nicht zu ihrem persönlichen Vorteil, sondern für die Welt.

Du vertraust ihr?

Ja. Ich habe sie persönlich kennengelernt. Ich vertraue ihr.

Gretas Eltern sollen auch Millionäre sein.

Das ist Schwachsinn. Die sind keine Millionäre mehr. Die stecken ihr Geld auch in die gute Sache.

Du selbst hast ein Smartphone, ein Notebook, fährst Bahn, bist online. Müsstest du auf all das nicht konsequenterweise zum Schutz des Klimas verzichten?

 Nein, ich muss das sogar sehr konsequent weiter nutzen, um für unser Ziel zu kämpfen. Wir müssen es endlich schaffen, die Blockaden von Peter Altmaier zu lösen, damit wir bis 2030 tatsächlich unsere Energie in Deutschland zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen beziehen.

Welche Auswirkung des Klimawandels bereitet dir die meiste Angst?

Im Sudan etwa, überwiegend ein Wüstenstaat im nördlichen Afrika, dominiert neuerdings Hochwasser, im Sommer letzten Jahres gab es Rekordüberschwemmungen am Nil. Bei den überheftigen Regenfällen dort handelt sich um Extremwetter, ausgelöst durch die immer stärkere Erderwärmung. Also eine klare Folge des Klimawandels. Dazu kommt, dass eine profitgierige Ölindustrie das Trinkwasser der Sudanesen vergiftet.

Wie kommt das?

Unternehmen entsorgen ihre Abfälle unsachgerecht, sodass giftige Schwermetalle wie Blei ins Trinkwasser gelangen. Zugespitzt gesagt, leben wir auf Kosten der Sudanesen!

Wieso?

Von der Ölförderung im Sudan profitieren zum Beispiel die deutschen Autohersteller, deren Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor wir hier vorwiegend fahren.

Apropos Klimawandel: Was sagst du denen, die sich immer noch über heiße Sommer freuen?

Ist okay. Man kann doch nicht von allen erwarten, dass sie sich so mit der Klimakrise auseinandersetzen wie ich. Wünschen kann ich mir das zwar. Und selbst jeden Tag einfach alles dafür tun, dass die Botschaft irgendwann bei den Menschen ankommt. Aber von vorneherein erwarten kann ich diese Erkenntnis nicht. Das wäre nicht fair.

Was wäre fair?

Beispielsweise die Menschen nicht mehr vor die Wahl zu stellen, sich beim Einkaufen zwischen günstigem Preis und Klimaschutz entscheiden zu müssen. Aber das kann nur die Politik bewirken.

 

Zum Beispiel mit Steuern auf umweltschädliche Erzeugnisse und Produktionsverfahren.

Genau. Das können wir nicht. Wir sind nur die Antreiber für diesen Wandel.