Qualität im Praktikum – Aus Expertensicht

Prof. Dr. Horst Hippler | Präsident der Hochschulrektorenkonferenz

Qualitätsstandards für Praktika umsetzen

Interview: Anne Koschik | 20.03.2017 | Foto Prof. Dr. Hippler: HRK/Zillmann; andere: S. Biel

Ausgangssituation:

Studierende brauchen und wollen Praxiserfahrungen sammeln, um ihr theoretisches Wissen zu erproben und auch, um festzustellen, wo sie am liebsten einmal arbeiten möchten. Doch das wird zunehmend schwieriger. So sind allein 53.000 Praktikumsplätze in der Industrie seit Einführung des Mindestlohns weggefallen, wie  der Stifterverband in einem neuen Report feststellt. Sind jetzt die Hochschulen gefordert, mehr Pflichtpraktika in die Curricula einzubauen und so die Unternehmen zu einem größeren Angebot zu animieren? Prof. Dr. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), gibt Auskunft über die Lage an den Hochschulen, das Zusammenwirken mit der Wirtschaft und die Notwendigkeit neu zu entwickelnder Qualitätsstandards für Praktika.

Anne Koschik: Studierenden, die aus freien Stücken auf die Unternehmen zugehen und ihr theoretisches Wissen in der Praxis umsetzen wollen, wird zunehmend die Chance auf wirklichkeitsgetreue Erfahrungen in der Wirtschaft genommen. Wie finden Sie das?

Prof. Dr. Hippler: Wenn die Industrie sich beklagt, dass sie wegen des Mindestlohns weniger Praktika anbieten kann, halte ich die Begründung zumindest ein Stück weit für vorgeschoben. Ich sehe die Unternehmen ganz klar in der Pflicht, ausreichend gute Praktikumsplätze anzubieten. Das liegt in ihrem eigenen Interesse und in ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.

Ich erinnere daran, dass der Mindestlohn nur für freiwillige Praktika greift, die länger als drei Monate dauern. Dafür hat sich die HRK vor der Verabschiedung des Gesetzes eingesetzt. Viele Unternehmen wünschen sich lieber Praktikantinnen und Praktikanten, die möglichst sechs Monate oder länger im Unternehmen bleiben. Aber auch in zwei bis drei Monaten sollte in den meisten Fällen ein qualifizierter Einblick in einen Arbeitsbereich möglich sein – und dies entspricht auch eher der studentischen Lebenswirklichkeit. Wie auch ein von der HRK in Auftrag gegebenes Fachgutachten bestätigt, kommt es bei einem Praktikum eben nicht auf die Dauer, sondern vor allem auf eine gute Betreuung an.

A. K.: Angesichts steigender Studierendenzahlen könnte die Aufnahme von zusätzlichen Pflichtpraktika in die Curricula Signalwirkung haben und den Weg für ein wachsendes Angebot an Praktika frei machen. Gibt es hier Pläne, um der Not der Studierenden entgegenzuwirken? Sehen Sie eine Chance, auch länger dauernde Pflichtpraktika für Bachelor- bzw. Masterstudierende überhaupt durchzusetzen?

Prof. Dr. Hippler: Es geht aus meiner Sicht nicht darum, flächendeckend mehr und längere Praktika in die Curricula einzubauen, sondern gemeinsam mit allen Beteiligten Qualitätsstandards für Praktika festzulegen und diese auch umzusetzen.

Wie viele und wie lange Praktika sinnvoll sind, hängt vom Profil des jeweiligen Studiengangs ab. In einigen Studiengängen, z.B. Geisteswissenschaften, brauchen Studierende vielleicht eher mehrere kürzere Orientierungspraktika, in anderen, etwa Ingenieurwissenschaften, macht ein längeres Praktikum in einem späteren Abschnitt des Studiums mehr Sinn.

A. K.: In welcher Verantwortung stehen die Hochschulen, um die hohen Erwartungen der Unternehmen an ihren Fach- und Führungskräftenachwuchs in Sachen Notenschnitt und Erfahrungsspielraum erfüllen zu können?

Prof. Dr. Hippler: Die Hochschulen haben die Aufgabe, die drei zentralen Dimensionen akademischer Bildung – (Fach-)Wissenschaft, Persönlichkeitsbildung und Arbeitsmarktvorbereitung - jeweils angemessen zu berücksichtigen. Sie bilden aber nicht für einen konkreten Arbeitsplatz aus, sondern versetzen Absolventinnen und Absolventen in die Lage, auf Basis wissenschaftlicher Bildung eine qualifizierte Beschäftigung aufzunehmen, sich neue Beschäftigungsfelder zu erschließen und den eigenen Weiterbildungsbedarf zu erkennen.

Das Markenzeichen des Hochschulstudiums ist und bleibt also die wissenschaftliche Problemlösungskompetenz. Die Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern bei der Weiterentwicklung der Studienprogramme und der Gestaltung von Praxisphasen ist ein wichtiges Element und kann sicherlich noch ausgebaut werden. Jedoch können die Hochschulen nicht auf jede Anforderung von Arbeitgebern reagieren.

A. K.: Fürchten Sie nicht die zunehmende Konkurrenz privater Hochschulen, mit denen laut Bildungsbericht des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) „ein neuer, vorrangig auf berufspraktische Qualifizierung gerichteter Zweig im Hochschulsystem“ entsteht?

Prof. Dr. Hippler: Wieso sollte ich mich fürchten? Hier geht es vor allem um die Weiterbildung von beruflich Qualifizierten, denen private Hochschulen zu ihrer Lebenssituation passende berufsbegleitende Studienmodelle anbieten. Damit haben die Privaten sich eine Nische gesucht, die von der Zielgruppe nachgefragt wird.

A. K.: Speziell Pflichtpraktika sollen das Studium sinnvoll ergänzen und nicht nur Formalien erfüllen, die in den Hochschulen anerkannt werden. Halten Sie die Anforderungen an Praktikumsplätze – so, wie sie in den Studien- bzw. Praktikumsordnungen formuliert sind – für ausreichend erklärt, damit sie Studierende bei ihrer Suche nach passenden Praktika/Unternehmen wirksam unterstützen?

Prof. Dr. Hippler: Die Frage lässt sich pauschal sicher nicht beantworten. Klar ist aber: Wenn Praktika nur ein Anhängsel sind, bleiben wertvolle Lernchancen ungenutzt. Praktika als Teil guter Lehre bedeutet eine gute Betreuung und Reflexion der Praktika im Studiengang, eine funktionierende Theorie-Praxis-Verzahnung und die curriculare Einbindung der Praktika. Wie das bereits erwähnte Fachgutachten zeigt, ist hier an vielen Hochschulen noch Luft nach oben. Als Schnittstelle zwischen Unternehmen und Hochschule könnte da den Career Services eine wichtigere Rolle zukommen.

Zurück zur Startseite

Horst Hippler im Gespräch zum Thema Qualität im Praktikum.

Im Gespräch: Prof. Dr. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK)

Qualität im Praktikum: Mentor

Ein Mentor betreut den Praktikanten, kümmert sich um die Interessen und Arbeitsinhalte, ist ständiger Ansprechpartner, gibt Feedback und bindet in die Teamstrukturen ein.

Qualität im Praktikum: Inhalte und Aufgaben

Dem Praktikant wird Verantwortung übertragen und qualifizierte und klar definierte Aufgaben übertragen, möglichst Erarbeitung eines eigenen Projekts.