Leitung Biopharma bei Boehringer Ingelheim

Getrieben vom Anspron, Leben zu retten

Interview: Anne Koschik | Juli 2017 | Foto: Boehringer ingelheim

Wie lange arbeiten Sie schon in der Pharmabranche?

Meine ersten Schritte ins Arbeitsleben machte ich 1995 in Kalifornien. Ich studierte damals Diplom-Biotechnologie an der TU Braunschweig und suchte mir am Ende des Studiums bewusst eine Studienarbeit im Ausland. Zum einen wollte ich mein Englisch aufbessern und zum anderen hatte das einen branchenkulturellen Aspekt: Die Innovation spielte sich zu der Zeit in Kalifornien ab. Meinen ersten Biotech-Einsatz erlebte ich also dort.

Was fasziniert Sie speziell an der Biotechnologie?

An der Biotechnologie fasziniert mich die Interdisziplinarität zwischen Biologie und Ingenieurwissenschaften und Chemie. Es ist spannend, das in eine moderne Anwendung zu bringen. Bereits in der Schule wurde dafür mein Interesse geweckt: Ein Berater des Arbeitsamtes hat mich vor 30 Jahren darauf gebracht, als er an meiner Schule Berufe vorstellte und mich auf eine Infoveranstaltung zum Thema Biotechnologie hinwies. Da bin ich hingegangen. Denn ich war schon immer naturwissenschaftlich interessiert,  hatte Bio und Physik als Leistungskurse. Ich wollte damals schon verstehen, wie Dinge molekular funktionieren.

Haben Sie Ihre Karriere geplant?

Minutiös – bis zum sehr guten Abschluss der Promotion. Das war mein eigener Masterplan. Erst danach wechselte ich zur Flexibilität über. Wo haben Sie Ihren Doktor gemacht? Am Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg. Nach dem Studium habe ich kurz reflektiert: Biotech kannst du nun ganz gut, aber dir fehlt tieferes Wissen der Molekular- und Zellbiologie sowie der Biochemie. Ich wollte mir die Freiheit nehmen, in die Neurobiologie zu gehen. Unterschiedliche Perspektiven zu haben, ist wertvoll, und es ist ratsam, sich in mehreren Branchen einzuarbeiten. Das ist auch wichtig für Management-Funktionen.

Das hat sich auch schnell bezahlt gemacht?

Ja, erste Management-Funktion nahm ich bereits 2004 in Erlangen wahr, bevor ich 2005 bei Boehringer als Laborleiter einstieg. In den folgenden zwölf Jahren stieg ich drei Stufen hoch, heute bin  ich Leiter der Bioprozess- und analytischen Entwicklung für Drittkundengeschäfte-Zwei Stufen über mir steht bereits der weltweite Leiter der Biopharmazie bei Boehringer Ingelheim.

Wie kamen Sie zu diesem Pharmaunternehmen?

Das war Teil der Karriereplanung: Denn ich wollte unbedingt mit tierischen Zellkulturen arbeiten – da ist Boehringer Ingelheim eine ganz große Adresse. Außerdem war die Laborleiterstelle gerade frei. Ich bin getrieben vom Ansporn, schwerkranken Patienten zu helfen. Meine Motivation ist sehr hoch, wenn ich sehe, dass wir in der Biopharmazie Medikamente herstellen können, die schwere Krankheiten bekämpfen. Hier zur Lebensqualität von Patienten beitragen zu können, ist sehr anspornend.

Haben Sie nie darüber nachgedacht, eine Wissenschaftskarriere zu machen?

Der akademische Bereich stand mir offen, kam für mich aber nicht infrage. Da hatte man um die Jahrtausendwende keine guten Aussichten. Außerdem fand ich es äußerst spannend, mit großem theoretischen Hintergrund in ein neues Zeitalter einzutreten, um dieses Wissen praktisch anzuwenden.

Warum sind Sie nicht nach Kalifornien gegangen?

Deutschland habe ich bewusst gewählt: Ich habe hier eine sehr gute Ausbildung genossen, konnte kostenlos studieren. Davon wollte ich etwas zurückgeben, mein Wissen hier einbringen. Den „Brain Drain“ fand ich immer sehr schade.

Wo sehen Sie Ihre größten Herausforderungen?

Das sind insbesondere Managementthemen: Die Biotechbranche eröffnet interessante Möglichkeiten, aber die Stabilität ist begrenzt, denn die Produkte sind in ihrer Marktrelevanz unsicher. Im großen Pharmaunternehmen können gegenüber kleinen Unternehmen jedoch viele Ideen in die Tat umgesetzt werden. Wichtig ist, zu jeder Zeit auf veränderte Weltmarktbedingungen adäquat reagieren zu können. Die Biotechnologie ist eine hochreglementierte Industrie, die sehr weise Entscheidungen verlangt, um schonend, umsichtig und innovativ mit den zu Verfügung stehenden Mitteln umzugehen. Außerdem ist die interne Kommunikation in einem Unternehmen von essenzieller Bedeutung: Man muss die richtigen Leute einbinden, die über die jeweiligen Entwicklungen informiert sein müssen.

In welchem Umfeld nehmen Sie diese Herausforderungen an?

Boehringer Ingelheim ist ein Familienunternehmen, das  seit 1885 besteht. Damit unterscheiden wir uns sehr von anderen Pharmaunternehmen und das spiegelt sich in unseren Werten wider. Unsere Unternehmenskultur ist von Unabhängigkeit geprägt, kurzfristiges Gewinnstreben ist nicht entscheidend, wir sind langfristig orientiert. Ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur ist die Innovationskraft, wobei wir einen hohen ethischen Anspruch an innovative Produkte stellen.

Unsere Leidenschaft ist es, schwerstkranken Menschen helfen zu wollen, diesem hohen ethischen Anspruch also gerecht zu werden.  Ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Wie geht das Unternehmen mit  seinen Mitarbeitern um? Wir kümmern uns um unsere Mitarbeiter und wollen miteinander wachsen. Dabei sind für uns Perspektivenvielfalt und Offenheit, z. B. für andere Kulturen, Geschlechter, Lebensweisen, ungewöhnliche Denkansätze eine wichtige Basis. . Eine Basis, die neben unterschiedlichen Perspektiven auch innovative Ideen ermöglicht und so zu Exzellenz in dem, was wir tun, beiträgt.

Welche Chancen haben Berufseinsteiger bei Ihnen?

Ein Unternehmen mit rund 50.000 Mitarbeitern hat viele offene Stellen zu besetzen – vom Praktikanten über Azubis, Doktoranden, Trainees bis zu Berufserfahrenen. In meinem Bereich suchen wir je nach Bedarf

Praktikanten (Studierende von Universitäten oder Fachhochschulen in den Fachrichtungen Biotech, Bioverfahrenstechnik, Biologie und Chemie): Im Idealfall bleiben sie sechs Monate, denn die Einarbeitung ist sehr umfassend. Die Themen müssen verstanden werden, es geht um experimentelles Arbeiten. Sie erhalten Gelegenheit, in innovative Themen – zum Beispiel in Prozessentwicklungen – reinzuschnuppern. Wir übergeben ihnen eng begrenzte Themenfelder, die sie bearbeiten dürfen.

Doktoranden (in den Fachrichtungen Biotech, Bioverfahrenstechnik, Biologie, Chemie und Pharmazie): Wir befinden uns in Kollaboration mit Unis auf der ganzen Welt. Die Themen sind komplexer, Expertise ist gefragt. Wer bei uns seine Doktorarbeit schreibt, steigt oft im Anschluss ins Unternehmen ein. Ich empfehle immer, sich auf dem Globalen Stellenmarkt auf unserer Karrierewebsite zu bewerben.

Wir sind keine Trutzburg, was offensichtlich viele denken. Kontakte zum Unternehmen zu schaffen, ist elementar. Ich bin froh über jede Info, die ich bekomme. Denn manchmal muss ich Stellen zügig besetzen.

Trainees: Gerade haben wir ein neues Programm für Nachwuchsführungskräfte aufgelegt. Es richtet sich an junge Leute, die einen akademischen Abschluss (Master oder Promotion) haben, und ist auf 30-36 Monate ausgelegt. Es beinhaltet mindestens drei Stationen im Unternehmen und einen Auslandseinsatz. Da die Trainees in die Führungslaufbahn geschickt werden, betreiben wir einen hohen Aufwand im Auswahlprozess, in den auch das Senior Management eingebunden ist.

Dr. Torsten Schulz, 47, ist Head of Bioprocess & Analytical Development Biopharmaceuticals bei Boehringer Ingelheim. Seine Karriere hat er minutiös geplant und hat sich dabei von seiner Faszination an der Interdisziplinarität zwischen Biologie, Ingenieurwissenschaften und Chemie leiten lassen.


Das forschungsorientierte Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim gehört zu den 20 größten Pharmafirmen weltweit. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen weltweit mehr als 47.700 Mitarbeitende in über 100 Ländern. Die Schwerpunkte des 1885 gegründeten Unternehmens in Familienbesitz liegen in der Forschung, Entwicklung, Produktion sowie im Marketing neuer Medikamente mit hohem therapeutischem Nutzen für die Humanmedizin sowie die Tiergesundheit. Im Jahr 2014 erwirtschaftete Boehringer Ingelheim Umsatzerlöse von rund 13,3 Mrd. Euro. Die Aufwendungen für Forschung & Entwicklung entsprechen 23,1 Prozent der Umsatzerlöse.

Branchenspezial Gesundheitswirtschaft

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